Die Geschichte
Ganze 12 Brauereien gab es einst im beschaulichen Michelstadt. Überlebt hat nur eine — die Brauerei Dörr mit dem dort gebrauten Michelstädter Bier.
Die Geschichte der Brauerei Dörr beginnt Anfang des 18. Jahrhunderts mit Johann Sebastian Häußler, dem Sohn eines Schweizer Einwanderers und ehemaligem Musketier im Regiment des Erbacher Grafenhauses. Häußler heiratet 1721 Agnes Margarethe Rösinger, die Tochter des Amselwirts in der Bahnhofstraße 5 in Michelstadt und wird seitdem als Braumeister und Küfer in der “Amsel” erwähnt.
Sein Enkelsohn Johann Kilian Häußler, ebenso Bierbrauer und Küfer, errichtet zu Beginn des 19. Jahrhunderts, ein paar Meter weiter, in der Bahnhofstraße 20 für seinen Sohn Johann Ludwig Häußler ein neues Brauereigebäude.
Ludwig Häußlers einzige Tochter Eva Margarethe heiratet 1858 den aus Wembach bei Ober-Ramstadt stammenden Bierbrauer und Küfer Peter Dörr.

Peter Dörr (1831-1898) gründete die Gaststätte "Zum Deutschen Haus"
Peter Dörr war 1854 nach Amerika ausgewandert und hatte in Baltimore als Küfer gearbeitet.
Aus Amerika zurückgekehrt und frisch verheiratet mit Eva Margarethe Häußler richtet er neben der Brauerei die Gaststätte "Zum Deutschen Haus" ein. Dieser Name verweist auf seine demokratische Gesinnung, mit der er aus Amerika zurückkam — oder weswegen er schon seine Heimat verlies.
Er lässt etwas außerhalb der Altstadt, in der Hochstraße, einen etwa 15 m tiefen Keller in den Kalkstein mauern. In dieser Zeit gibt es in Michelstadt bis zu 12 Braustätten, die ihr Bier in ihren eigenen Gaststätten ausschenken.
Georg Adam Dörr mit Familie, Stammgästen und Bediensteten unter dem Kühlschiff im Hof 1904
Sein Sohn Georg Adam Dörr baut die Brauerei
“Zum Deutschen Haus” weiter aus.
Georg Adam Dörrs Sohn, Georg Ferdinand, kann, durch Kriegsdienst und lange Gefangenschaft im 1. Weltkrieg, erst zu Beginn der 20er Jahre die Brauerei mit der Gaststätte weiterführen.
Wiedereröffnung der Gastwirtschaft nach dem ersten Weltkrieg
Die Brauerei “Zum Deutschen Haus” ist nach dem 1. Weltkrieg die einzige in Michelstadt noch existierende Brauerei und beliefert nun auch die umliegenden Gasthäuser mit “Michelstädter Bier”.
Erster Mai um 1930: Die Belegschaft mit Fuhrfass
Die zwanziger und dreißiger Jahre sind gekennzeichnet durch umfassende Modernisierungen. Viele technische Neuerungen verbessern das Herstellungsverfahren.
Einer der ersten Lastwagen: Ein Borgward
Die ersten LKWs ersetzen die Pferdefuhrwerke, Aluminiumtanks lösen die Holzfässer ab, eine Eismaschine dient der Herstellung von Stangeneis und eine dampfmaschinengetriebene Schrotmühle verarbeitet das Malz.
Der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit führen zu einem zunehmenden Rohstoffmangel, der erst mit der Währungsreform beseitigt werden kann. Improvisation ist gefragt und man nimmt nun Molke als Ersatz für das schwer zu beschaffende Malz.
Margarethe und Georg Wilhelm Dörr hinter dem Tresen der wiederöffneten Brauereigaststätte 1954
Erst nach der Währungsreform 1948 kann wieder Malz gekauft
und
Bier mit 8% Stammwürze gebraut werden. Zum Vergleich: Heute hat Pils
einen Stammwürzegehalt von 11,5%. Die Brauereigaststätte wird am Ende
des Weltkrieges geschlossen und erst nach einer grundlegenden
Renovierung 1954 wieder eröffnet.
Georg Ferdinand Dörr vor dem Rohbau der Abfüllerei 1960
In den 60er Jahren errichten Ferdinand und sein Sohn Georg Wilhelm Dörr in der Hochstraße auf dem „Kalksteinkeller“ die neue Brauerei mit Abfüllanlage, Lagergebäude und Wohnhaus.
1972 übernimmt Georg Wilhelm Dörr die Leitung der Brauerei.
Das neue Sudhaus
1975 wird ein neues Sudhaus in der Hochstraße errichtet und somit ist Bierherstellung, Verarbeitung und Verkauf wieder an einem Ort.
1980 legt Georg Ulrich Dörr an der Ulmer Brauerschule seine Meisterprüfung ab. Nun steht die 9. Generation am Sudkessel der Michelstädter Brauerei.
Der Brauereiausschank in der Bahnhofstraße verändert in den folgenden Jahren sein Erscheinungsbild. Die Ausfahrt wird geschlossen, der Innenhof wird im Sommer als Biergarten genutzt, in das ehemalige Sudhaus wird eine neue Küche eingebaut.
So wird noch heute das Michelstädter Bier nach alter handwerklicher Tradition mit dem Erfahrungsschatz von über 280 Jahren gebraut.

